{"id":1504,"date":"2026-09-08T17:20:51","date_gmt":"2026-09-08T15:20:51","guid":{"rendered":"https:\/\/mathphys.info\/?page_id=1504"},"modified":"2026-09-14T14:12:52","modified_gmt":"2026-09-14T12:12:52","slug":"institute-in-aufruhr","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/unshitmyfuck.mathphys.info\/home\/geschichte\/institute-in-aufruhr\/","title":{"rendered":"Institute in Aufruhr"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.17.1&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; background_color=&#8220;#990000&#8243; custom_margin=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; custom_padding=&#8220;20px||20px||false|false&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.17.1&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; custom_margin=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; custom_padding=&#8220;10px||16px||false|false&#8220; custom_css_main_element=&#8220;margin:auto;&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.17.1&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.27.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; header_font=&#8220;|700|||||||&#8220; header_text_color=&#8220;#FFFFFF&#8220; custom_margin=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; custom_padding=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;]<\/p>\n<h1 class=\"entry-title\" style=\"text-align: center;\">Institute in Aufruhr<\/h1>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section][et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.17.1&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_row make_equal=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.17.6&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; custom_margin=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; custom_padding=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; animation_style=&#8220;slide&#8220; animation_direction=&#8220;top&#8220; animation_intensity_slide=&#8220;2%&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_css_main_element_last_edited=&#8220;on|tablet&#8220; custom_css_main_element_tablet=&#8220;display: flex;||flex-direction: column-reverse;&#8220; custom_css_main_element_phone=&#8220;display: flex;||flex-direction: column-reverse;&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.27.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p><strong>\u201eHolt Euch die Universit\u00e4t zur\u00fcck, denn sie geh\u00f6rt den Ordinarien nicht!\u201c<\/strong><\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"aus_dem_Ruprecht_Nummer_37\" ez-toc-data-id=\"#aus_dem_Ruprecht_Nummer_37\"><\/span>aus dem<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/www.ruprecht.de\/printarchiv\/\">Ruprecht<\/a>, Nummer 37<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p><em><strong>Noch bis Ende der Siebziger Jahre war die Heidelberger Universit\u00e4t ein hei\u00dfes Pflaster \u2013 und die Erinnerung daran verfolgt noch manchen an der Uni<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Wenn der Professor im Fakult\u00e4tsrat pl\u00f6tzlich mit den Worten \u201esie k\u00f6nnen hier als Student nicht alles sagen wie damals, 1977\u201c aufbraust; wenn sich bei der Frage, warum denn Prof. L. nach Berlin gegangen ist, pl\u00f6tzlich eine Mauer des Schweigens im Lehrk\u00f6rper aufbaut; wenn der ergraute akademische Oberrat ein konspiratives \u201edas lief hier schon \u201amal anders\u201c fl\u00fcstert, dann merkt der unschuldig-junge Student, da\u00df das Leben an der Ruperto Carola nicht immer so friedlich -geordnet dahinpl\u00e4tscherte \u2013 und da\u00df das Trauma der wilden Zeiten auch heute noch manch einen Dozenten gefangenh\u00e4lt.<\/strong><\/p>\n<p>Die wilden Sechziger \u2013 sie waren in Heidelberg auch in den siebziger Jahren noch nicht ganz vorbei. Studentische Proteste und hochschulpolitische Auseinandersetzungen begleiteten das Leben an der Ruperto Carola auch nach dem H\u00f6hepunkt der \u201e68er\u201c-Bewegung, als deren Protagonisten schon ihren \u201eMarsch durch die Institutionen\u201c angetreten, sich zersplittert oder resigniert hatten und an vielen anderen deutschen Universit\u00e4ten in der Bundesrepublik wieder Frieden eingekehrt war.<br \/>Zwar gab es nur noch wenige koordinierte, die gesamte Universit\u00e4t umfassenden Aktionen \u2013 trotzdem verging auch in den siebziger Jahren kaum ein Semester, in dem nicht irgendwo in Heidelberg diskutiert, demonstriert und gestreikt, aber auch gepr\u00fcgelt und prozessiert wurde.<br \/>Und weil viele dieser Ereignisse nicht nur Studierende gegen Lehrende oder Minister stellen, sondern auch z.B. Professoren gegen Professoren oder Professoren gegen Mittelbau, beeinflussen diese l\u00e4ngst vergangenen Tage das Klima an der Universit\u00e4t auch heute noch.<\/p>\n<p><strong>Nach 1972: Ern\u00fcchterung<\/strong><\/p>\n<p>Zu Beginn der siebziger Jahre war die Aufbruchstimmung der \u201e68er\u201c eigentlich schon l\u00e4ngst verflogen. Wenngleich die Reformer \u2013 Studierende und Teile von Mittelbau und Professorenschaft \u2013 einiges erreicht hatten, konnten sich keine dauerhaften Koalitionen bilden, die Weiteres durchgesetzt oder sich jenen entgegengestellt h\u00e4tten, die das Rad wieder zur\u00fcckdrehen wollten. Viele Studierende h\u00f6rten auf, sich in der Hochschulpolitik zu engagieren, zogen sich resigniert auf Beobachterposten zur\u00fcck oder etablierten sich (wenn sie z.B. schlicht und einfach ihr Studium abgeschlossen hatten) in dem System, das sie reformiert haben wollten. L\u00e4ngst gab es keine \u201eStudentenbewegung\u201c mehr; der gr\u00f6\u00dfere Teil der Studierendenschaft verfolgte das Geschehen an der Hochschule vielleicht noch mit Interesse, engagierte sich aber selbst nicht mehr. Aktiv wurde man h\u00f6chstens, wenn es am eigenen Institut zur Sache ging. Hochschulgruppen verloren an Zulauf, zersplitterten oder radikalisierten sich: Selbst wenn sich auch 1973 und danach der gr\u00f6\u00dfte Teil der Studierenden noch als bewu\u00dft links empfand \u2013 der Graben zwischen sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Gruppen war so gro\u00df, da\u00df man sich kaum auf gemeinsames Handeln verst\u00e4ndigen konnte \u2013 und nat\u00fcrlich erst recht nicht mit Hochschulgruppen aus dem konservativen oder konservativ-liberalen Spektrum, wie dem RCDS oder der in Heidelberg auftretenden \u201eAktionsgemeinschaft Demokratischer Hochschulgruppen\u201c (ADH).<\/p>\n<p>Die Grabenk\u00e4mpfe l\u00e4hmten die Durchsetzungskraft der Studenten vor allem auf der gesamtuniversit\u00e4ren Ebene. Sie verloren mehr und mehr an Glaubw\u00fcrdigkeit. Die Studierendenvertreter konnten sich immer schlechter legitimieren: So sank die Wahlbeteiligung bei Uni- oder Fakult\u00e4tswahlen in den meisten Fachbereichen kontinuierlich, z.B. von 40% im Jahre 1970 auf knapp 26% im Jahre 1976 bei uniweiten Wahlen. Die Zweifel, ob die jeweils \u201eregierenden\u201c Hochschulgruppen wirklich einen wichtigen Teil der Studierendenschaft vertraten, wuchs nicht nur bei ihren Gegnern<\/p>\n<p>Wo aber radikale Gruppen die Studierendenvertretungen beherrschten, verschlechterte sich auch das Verh\u00e4ltnis zu den reformfreudigen Lehrenden, mit denen Studierende zuvor noch gemeinsam Ver\u00e4nderungen an der Uni hatten durchsetzen k\u00f6nnen: So stimmten z.B. kommunistische studentische Gruppen in den Universit\u00e4tsgremien in Heidelberg in den Jahren 1970-72 immer wieder gegen Vorschl\u00e4ge des liberalen Rektors Rolf Rendtdorff, weil auch er in ihren Augen ein \u201eScherge des Monopolkapitals\u201c war. Dadurch setzte sich letztendlich eine viel konservativere Richtung in den Senaten durch; erst recht, nachdem Rendtdorff 1972 resigniert zur\u00fcckgetreten war. \u201eSie [die Kommunistische Hochschulgruppe] machte es uns schon mit ihrer Sprache unm\u00f6glich, gemeinsame Positionen zu bilden\u201c, erinnert sich ein Akademischer Oberrat, \u201edabei w\u00e4re selbst Mitte der Siebziger noch einiges m\u00f6glich gewesen\u201c. Koalitionen in Gremien z.B. zwischen bestimmten Professoren, Assistenten und Studierenden, wurde immer seltener.<\/p>\n<p>Nicht nur deswegen begannen auch viele jener Dozenten, die die Reformierung der Universit\u00e4t mitgetragen hatten, zu resignieren und sich aus der Hochschulpolitik, selbst vor Ort, zur\u00fcckzuziehen. \u201eWir hatten den Widerstand gegen weitgehende Reformen in den ersten Jahren einfach untersch\u00e4tzt; au\u00dferdem gab es zu viele, die Ver\u00e4nderung nur mit verbalem Wohlwollen und nicht mit aktiver Unterst\u00fctzung begleiteten\u201c, meint dazu ein Professor der Neuphilologischen Fakult\u00e4t.<\/p>\n<p>So konnten sich auch in Heidelberg (dessen Universit\u00e4t auch in den siebziger Jahren noch teilweise als \u201erot\u201c galt) mehr und mehr jene durchsetzen, die die Reformen wieder zur\u00fcckdrehen wollten und vor allem den Einflu\u00df der Ordinarien, der ordentlichen Professoren also, wieder st\u00e4rken wollten. Viele von ihnen organisierten sich im 1970 gegr\u00fcndeten \u201eBund Freiheit der Wissenschaft\u201c, einem konservativen Hochschulverband, der sich in jener Zeit zum Ziel gesetzt hatte, vor allem an sogenannten \u201eroten\u201c Universit\u00e4ten wie Heidelberg, Bremen oder Marburg den Einflu\u00df linker Dozenten und Studenten zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Gerade deshalb aber hatte der \u201eBund\u201c eine besonders gro\u00dfe Anh\u00e4ngerschaft in Heidelberg und bald begannen seine Miglieder, die Unipolitik entscheidend mitzubestimmen.<\/p>\n<p><strong>1972: Wende zur\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p>Ein erster Wendepunkt in diese Richtung war der bereits erw\u00e4hnte R\u00fccktritt des Heidelberger \u201eReform\u201c-Rektors Rendtdorff 1972. Er hatte versucht, die unruhige Universit\u00e4t durch einen progressiven Kurs zu beruhigen. Damit geriet er aber \u2013 z.B. im Falle des Sozialistischen Patientenkollektives 1970\/71 (siehe ruprecht Nr. 35) \u2013 im Gegenteil immer st\u00e4rker zwischen die Fronten radikaler Studierender und konservativer Professoren. Die Auseinandersetzungen um seine Amtsf\u00fchrung wurden in Universit\u00e4t, Stadt und sogar im Fernsehen ausgetragen: Das SPD-Mitglied Rendtdorff bekam seinen festen Platz im konservativen \u201eZDF-Magazin\u201c. Am Ende w\u00e4hlte ihm der Gro\u00dfe Senat Prorektoren an die Seite, die er nicht gewollt hatte.<\/p>\n<p>Sein Nachfolger Hubert Niederl\u00e4nder, ebenso wie dessen Nachfolger Mitglied des \u201eBund Freiheit der Wissenschaft\u201c, leitete sofort einen neuen, harten Kurs ein. Er sorgte daf\u00fcr, da\u00df mehr und mehr Studierende, die sich an Streiks, Vorlesungssprengungen und Institutsbesetzungen beteiligt hatten, diziplinar- oder strafrechtlich verfolgt wurden: W\u00e4hrend Rendtdorff immer wieder bereit gewesen war, auch \u00fcber Gesetzesverletzungen hinwegzusehen, um die Auseinandersetzungen innerhalb der Universit\u00e4t zu l\u00f6sen und nicht weiter anzuheizen, wollte Niederl\u00e4nder die Universit\u00e4t durch einen harten Kurs gegen\u00fcber St\u00f6rern, oder solchen, die es seiner Meinung nach waren, befrieden. Sein Erfolg war zun\u00e4chst gemischt; am Ende seiner Amtszeit im Jahre 1979 aber hatte er an der Universit\u00e4t tats\u00e4chlich in der einen oder anderen Weise f\u00fcr Ruhe gesorgt.<\/p>\n<p>An der Juristischen Fakult\u00e4t z.B. kehrte nach heftigen Auseinandersetzungen in den Jahren 1970 bis 1973 (sowohl 1970 als auch 1972 war die Lehrt\u00e4tigkeit zweitweilig eingestellt worden) zun\u00e4chst wirklich Ruhe ein. Allerdings wurden nicht nur radikale Gruppen verdr\u00e4ngt, auch viele gem\u00e4\u00dfigte Studierende zogen es fortan vor, zu schweigen und zu studieren. Selbst eine Fachschaft gab es dort bis 1979 nicht (und Wahlen dazu wurden vom Rektorat im gleichen Jahr mit Strafanzeigen bek\u00e4mpft).<\/p>\n<p><strong>1976: Germanisten<\/strong><\/p>\n<p>Am Germanistischen Seminar hingegen f\u00fchrte der gleiche harte Kurs (den Niederl\u00e4nder nat\u00fcrlich nicht alleine verfolgte; viele der damals an der Unipolitik Beteiligten hielten ihn gar nicht f\u00fcr die treibende Kraft, eher f\u00fcr eine Frontfigur) in den Jahren 1976 und 1977 zu einer Eskalation der Situation: Nachdem die Studiensituation f\u00fcr viele Studierende und Lehrende schon kaum ertr\u00e4glich geworden war (mehr Studierende, weniger Dozenten; das kennen wir ja von heute), erregte die geplante Einf\u00fchrung von Klausuren in Mittelhochdeutsch sie. Auf einer Versammlung beschlossen die Studierenden, die Klausuren zu boykottieren. Diskussionen um deren Sinn mit dem Lehrk\u00f6rper ergaben kein Ergebnis: Dozenten, die der Argumentation der Studierenden folgen wollten, setzten sich nicht durch, andere waren befremdet vom Auftreten der Studierendenvertreter. Bald drangen die Streikenden auch in Vorlesungen ein, um Dozenten und Professoren zu einer Diskussion \u00fcber die Klausuren zu zwingen. Zudem versuchten sie, Klausuren, die angesetzt waren, auch durch Besetzung der R\u00e4ume zu sprengen. Verschiedene Dozenten, darunter die betroffene Lehrstuhlinhaberin Roswita Wisniewski \u2013 damals frischgebackene CDU-Bundestagsabgeordnete \u2013 holten in mehreren solchen Situationen die Polizei. Die ging nicht zimperlich vor. Die zunehmende Sch\u00e4rfe der Auseinandersetzungen erschwerte auch die Verhandlungen von Studierendenvertretern mit den Lehrenden. Nachdem Rektor Niederl\u00e4nder die ersten Relegationen (Verweise von der Universit\u00e4t) von zwei bis vier Semester ausgesprochen hatte und Strafanzeige gegen wirkliche und vermeintliche Streikf\u00fchrer gestellt hatte, verschlechterte sich das Klima am Seminar immer mehr.<\/p>\n<p>\u201eDie Klausuren w\u00e4ren nicht n\u00f6tig gewesen\u201c, sagt ein Akademischer Oberrat heute, \u201eund das ist eine Meinung, die auch damals im Kollegium unter normalen Umst\u00e4nden mehrheitsf\u00e4hig gewesen w\u00e4re. Aber damals wollten sich einige eben durchsetzen. Das \u2013 und das kompromi\u00dflose Auftreten einiger Studentenvertreter \u2013 hat eine einvernehmliche L\u00f6sung damals verhindert\u201c.<\/p>\n<p>Die Unf\u00e4higkeit, Kompromisse zu finden, st\u00fcrzte das Seminar f\u00fcr mehr als ein Semester ins Chaos: Nachdem Studierende immer mehr Vorlesungen gesprengt und sich in der Lobby des Seminares zum Teil bedrohliche Situationen abgespielt hatten, schlo\u00df die Institutsleitung das Seminar. Die Studierenden empfanden das als Provokation und versuchten, dennoch einzudringen. Ein (immer) gr\u00f6\u00dfer angelegtes Polizeiaufgebot sch\u00fctzte nun das Geb\u00e4ude; damit aber wurde der Konflikt \u00fcber die instituts- und uniinterne \u00d6ffentlichkeit hinaus in die Stadt getragen: Bei einem Demonstrationszug durch die Altstadt bekam auch der damalige Oberb\u00fcrgermeister Zundel, der nicht gerade als studentenfreundlich galt, Eier und Tomaten ab, als er vom Rathausbalkon lugte. Die Lokalpresse nahm sich des Konfliktes an; vor allem die Rhein-Neckar-Zeitung aber aus der \u201eRecht &amp; Ordnung\u201c-Perspektive. Nachdem inneruniversit\u00e4re Auseinandersetzungen schon in der \u00c4ra Rendtdorff auf den Lokalseiten und in den Leserbriefspalten von Rhein-Neckar-Zeitung\u201c und \u201eHeidelberger Tageblatt\u201c ausgetragen worden waren, sorgte auch hier die Berichterstattung nicht f\u00fcr eine Beruhigung der Situation. Die Studierenden, die sehr viel schlechter an Platz in der Lokalpresse kamen, wehrten sich mit Flugbl\u00e4ttern.<\/p>\n<p>Der Solidarisierungseffekt, den die harte Haltung von Rektorat und Institutsleitung zun\u00e4chst hervorgerufen hatten, hielt einige Monate. Ihr Ziel, auch die Mehrheit des Mittelbaus am Germanistischen Seminar und einige Professoren auf ihre Seite zu ziehen, erreichten die Studierenden aber gerade wegen der Eskalation des Konfliktes nicht: In einer solchen Situation glaubte es sich kaum ein Lehrender leisten zu k\u00f6nnen, sich \u201eauf die andere Seite\u201c zu stellen. Dazu kam der immer wieder gesch\u00fcrte Verdacht, da\u00df die Studentenproteste letzlich nur von einer kleinen Gruppe von Agitatoren der Kommunistischen Hochschulgruppe (KHG) und des Marxistischen Studentenbundes (MSB Spartakus) organisiert worden waren, die zudem auch nicht einmal am Germanistischen Seminar, ja noch nicht einmal in Heidelberg studierten. Die meisten \u201eEhemaligen\u201c allerdings, damalige Studenten wie Dozenten, geben heute zu, da\u00df die \u201eRoten\u201c zwar eine wichtige Rolle gespielt hatten, aber sicher nicht die alleintragende Kraft waren.<\/p>\n<p>Nach einem halben Jahr verlor die Streikbewegung an Dynamik. Nach und nach wurden einige Klausuren geschrieben und der Medi\u00e4vistik-Lehrstuhl von Prof. Wisniewski setzte sich durch. Das Semester aber hatte das Klima am Germanistische Seminar grundlegend gewandelt: \u201eSeit damals trauen sich viele im Kollegium nicht mehr so recht, zu sagen, was sie denken\u201c, meint einer der damals im Lehrk\u00f6rper Beteiligten, \u201eoder was ich glaube, da\u00df sie denken. Es ist einfach klargeworden, wer hier etwas zu sagen hat und wer resigniert hat\u201c.<\/p>\n<p>Gegen f\u00fcnfzehn Studierende wurden Strafverfahren eingeleitet; 3 von ihnen wurden wegen Beleidiung, N\u00f6tigung, Haus und Landfriedensbruch in langen Prozessen zu Haftstrafen bis zu 23 Monaten ohne Bew\u00e4hrung verurteilt.<\/p>\n<p><strong>1977: Mediziner<\/strong><\/p>\n<p>Schon 1976 hatten Medizin-Studierende in Heidelberg auf die Einf\u00fchrung von Klausuren mit Vorlesungsstreik reagiert. Die Proteste versch\u00e4rften sich im Sommersemester 1977, als die bundesweite Fachtagung Medizin Urabstimmungen und Streiks beschlo\u00df, um gegen die Bedingungen des neu eingef\u00fchrten \u201ePraktischen Jahres\u201c anzugehen, das sich an das Medizinstudium anschlie\u00dft und in dem die Studierenden einen sehr viel schlechteren Status hatten als bis dahin in der Phase als Assistenzarzt. Nirgendwo reagierten die Universit\u00e4ten so hart wie in Heidelberg: Mit gr\u00f6\u00dferen Polizeiaufgeboten, Relegations- und Strafandrohungen gelang es dem Rektorat tats\u00e4chlich, den Streik nach drei Wochen zu beenden. Nur in Heidelberg gab es Strafanzeigen und Prozesse gegen Medizin-Aktivisten.<\/p>\n<p><strong>1978: Mathematiker<\/strong><\/p>\n<p>Erfolgreicher f\u00fcr die Studierenden war eine Streikserie, die ein Jahr sp\u00e4ter am Mathematischen Institut stattfand. Auch hier ging es um die Einf\u00fchrung von Klausuren, auch hier versuchten Studierendenvertreter, dies durch Streik, Vorlesungssprengung und Demonstrationen zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Reaktion hier war allerdings viel gespaltener als bei den Germanisten: Man diskutierte im Fakult\u00e4tsrat, man beschwichtigte, vermittelte, beriet. Trotzdem eskalierte auch hier die Situation nach Provokationen einiger Studierender und ruppigem Verhalten betroffener Professoren: Bald standen auch hier Uni-Rausschmisse, Strafanzeigen und Ordnungsverfahren auf der Tagesordnung. Auch hier sahen sich die Fachschafter dem Vorwurf ausgesetzt, der Streik w\u00fcrde von einer kleinen Gruppe radikaler Agitatoren inszeniert und ausgenutzt \u2013 selbst wenn die betroffenen Vorlesungen sogar von systemtreuen Jungakademikern gemieden wurden. Die Initiative zum \u201eDurchgreifen\u201c aber ging vor allem vom scheidenden Rektor Niederl\u00e4nder aus, der Anzeigen auch noch aufrecht erhielt, als fast alle Professoren der Mathematischen Fakult\u00e4t ihre eigenen Anzeigen zur\u00fcckziehen wollten. Es kam zu Verurteilungen, allerdings in fast allen F\u00e4llen \u201enur\u201c zu Bew\u00e4hrungsstrafen. Die Klausuren selbst wurden tats\u00e4chlich nicht eingef\u00fchrt. Gleichwohl versuchten Professoren in den darauffolgenden Jahren noch \u00f6fter, sie schreiben zu lassen, bislang aber ohne Erfolg.<\/p>\n<p><strong>Danach: Ruhe<\/strong><\/p>\n<p>Es sollte vorl\u00e4ufig letzte Mal sein, da\u00df die \u201eRote Universit\u00e4t\u201c Heidelberg in den Schlagzeilen war. Es folgten die Prozesse, die sich bisweilen ein Jahr lang hinzogen und von denen einige bis zum Bundesgerichtshof gingen. An der Universit\u00e4t selbst gab es noch Konflikte um die Gr\u00fcndung der uns heute ziemlich selbstverst\u00e4ndlichen Fachschaften (und nat\u00fcrlich Prozesse). Aber insgesamt kehrte wieder Ruhe und Ordnung im Neckarst\u00e4dtchen ein.<\/p>\n<p>Dazu trug auch bei, da\u00df 1977 in Baden-W\u00fcrttemberg die \u201eVerfa\u00dfte Studentenschaften\u201c als rechtlich eigenst\u00e4ndige Studierendenvertretungen abgeschafft und durch ein macht- und mittelloses Anh\u00e4ngsel des Gro\u00dfen Senates ersetzt worden waren, denen kein eigenverantwortliches Handeln mehr erlaubt wurde. Noch einmal hatten diese im Mai 1977 eine gro\u00dfen Demonstration gegen die Strafverfahren organisiert, die mit 9.000 Teilnehmern die gr\u00f6\u00dfte in Heidelberg \u00fcberhaupt wurde.<\/p>\n<p>Selbst mehr als 10 Jahre danach, im \u201eUnimut\u201c-Semester 1988\/89, griffen die bundesweiten studentischen Proteste sp\u00e4t und schw\u00e4chlich auf die Ruperto Carola \u00fcber (davon wird der vierte Teil unserer Serie erz\u00e4hlen). Aber der Mythos vom unruhigen Heidelberg h\u00e4lt sich noch in einigen K\u00f6pfen: Die Heidelberger Studierendenvertretung bekommt auch heute noch pro Kopf weniger Landesmittel als Unversit\u00e4ten, die schon damals als friedlich galten; ein Ministerialbeamter hat dies noch vor wenigen Jahren offen mit politischen Gr\u00fcnden erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><strong>Wunden.<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich waren die Auseinandersetzungen der siebziger Jahre nicht \u00fcberall in Heidelberg gleich bitter. Aber an einigen Instituten haben tats\u00e4chlich Wunden hinterlassen, die selbst der damals gerade geborene Studierende heute noch merkt (auch wenn er sich oft gar nicht erkl\u00e4ren kann, was denn diesen oder jenen Professor oder Oberrat pl\u00f6tzlich so aufbringt, oder warum Prof. X nicht mit Dozent Y. redet). \u201eDas Klima am Germanistischen Seminar, vor allem unter den Lehrenden, hat sich nachhaltig ver\u00e4ndert\u201c, sagt einer, der 1977 Angeh\u00f6riger des dortigen Mittelbaus war, \u201eund die Leute, die das Seminar damals verlassen haben, sind nicht nur wissenschaftlich attraktiveren Rufen gefolgt\u201c.<\/p>\n<p>Die Mathematikerstreiks hingegen waren begrenzt, gro\u00dfe Teile des Kollegiums schon damals konzilliant und nachdenklich. Deshalb haben die Auseinandersetzungen dort kaum Spuren hinterlassen, selbst wenn dort immer noch fast jedes Jahr um die \u201eKlausurenfrage\u201c gerungen wird. Aber auch an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Mathematik reden einige nicht gerne \u00fcber alte Zeiten.<\/p>\n<p>Insgesamt haben seit Beginn der siebziger Jahre nicht nur die Studierenden, sondern auch der akademische Mittelbau und auch die \u201eniedrigen\u201c C3-Professoren (also die Nicht-Ordinarien) in der Universit\u00e4t wieder an Einflu\u00df verloren; viele Dinge, die in diesen Zeiten noch in den Fakult\u00e4ten \u201eausdiskutiert\u201c wurden, sind heute wieder Sache der Ordinarien \u2013 selbst die Einf\u00fchrung von \u201eInstitutsbeir\u00e4ten\u201c zur st\u00e4rkereren (beratenden) Beteiligung des Mittelbaus in den Instituten st\u00f6\u00dft im Moment auf Widerstand in Senat und Rektorat.<\/p>\n<p>Die H\u00e4rte und die Emotionen, mit denen Auseinandersetzungen gef\u00fchrt werden, k\u00f6nnen aber schon deshalb heute nicht mehr so gro\u00df sein, weil Studierende ein viel buntererer, unkoordinierterer Haufen sind, die ihren Lebensschwerpunkt zum gro\u00dfen Teil nicht mehr an der Uni haben und auch sich auch politisch-ideologisch nicht mehr so straff organisieren lassen. Der Mittelbau wiederum mu\u00df sich mehr und mehr von Zweijahresvertrag zu Zweijahresvertrag hangeln.<\/p>\n<p>Und da wir ohnehin alle schneller studieren sollten, bleibt heutzutagenicht mehr sehr viel Zeit f\u00fcr die Revolution.<\/p>\n<p>(hn)<\/p>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"%E2%80%9EJeden_Tag_ein_neuer_Brand%E2%80%9C\" ez-toc-data-id=\"#\u201eJeden_Tag_ein_neuer_Brand\u201c\"><\/span>\u201eJeden Tag ein neuer Brand\u201c<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<p><em>Streiks, Demonstrationen, Strafverfahren in Heidelberg in den siebzigern (eine Auswahl)<\/em><\/p>\n<p><strong>1972\/73:<br \/><\/strong>Auseinandersetzungen am Juristischen Seminar;<br \/>Besetzung des Rektorats durch Mitglieder der Kommunistischen Hochschulgruppe<\/p>\n<p><strong>1975<br \/><\/strong>Demonstrationen gegen die Erh\u00f6hung der Stra\u00dfenbahnpreise in Heidelberg, ma\u00dfgeblich organisiert von kommunistischen Hochschulgruppen; starke Polizeieins\u00e4tze, Auseinandersetzungen<\/p>\n<p><strong>1976:<br \/><\/strong>Streik der Germanisten; Institutsschlie\u00dfung; schwere Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten;<br \/>Warnstreik von Medizinern<\/p>\n<p><strong>1977:<br \/><\/strong>Im Sommersemester Streiks, Vorlesungsboykotte, und Demonstrationen an der Medizinischen Fakult\u00e4t<br \/>Demonstrationen gegen die Abschaffung der Verfa\u00dften Studentenschaft; im Mai erlebt Heidelberg seine mit etwa 8000 Leuten gr\u00f6\u00dfte Demonstration, auf der die Studierenden gegen die zahlreichen eingeleiteten Strafverfahren protestieren;<\/p>\n<p><strong>1978:<br \/><\/strong>Klausurenboykott an der Mathematischen Fakult\u00e4t;<br \/>Im M\u00e4rz gewaltsame R\u00e4umung des selbstverwalteten Studentenwohnheimes \u201eCollegium Academicum\u201c, das f\u00fcr die einen Symbol studentischer Autonomie, f\u00fcr die anderen Symbol studentischen Radikalismus\u2018 ist<\/p>\n<p><strong>1979:<br \/><\/strong>Auseinandersetzungen um Wahlen f\u00fcr eine Fachschaft an der Juristischen Fakult\u00e4t<\/p>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"%E2%80%9EMit_aller_Haerte_des_Gesetzes%E2%80%9C\" ez-toc-data-id=\"#\u201eMit_aller_Haerte_des_Gesetzes\u201c\"><\/span>\u201eMit aller H\u00e4rte des Gesetzes\u201c<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<h4><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Straf-_und_Ordnungsverfahren_gegen_Studierende\" ez-toc-data-id=\"#Straf-_und_Ordnungsverfahren_gegen_Studierende\"><\/span><em>Straf- und Ordnungsverfahren gegen Studierende<\/em><span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h4>\n<ul>\n<li><em><strong>150<\/strong><span>\u00a0<\/span>Verfahren wurden insgesamt in den Jahren 1975-1980 angestrengt,<span>\u00a0<\/span><strong>450<\/strong><span>\u00a0<\/span>Strafanzeigen gestellt.<br \/><\/em><\/li>\n<li><strong>50<\/strong><span>\u00a0<\/span>Relegationen von der Uni f\u00fcr bis zu vier Semester erhalten Studierende<\/li>\n<li><strong>15<\/strong><span>\u00a0<\/span>Germanisten werden zu Geldstrafen und \/oder Haftstrafen bis zu<span>\u00a0<\/span><strong>23 Monaten<\/strong><span>\u00a0<\/span>verurteilt<\/li>\n<li><strong>6<\/strong><span>\u00a0<\/span>Juristen und<span>\u00a0<\/span><strong>10<\/strong><span>\u00a0<\/span>Mediziner und<span>\u00a0<\/span><strong>15<\/strong><span>\u00a0<\/span>Mathematiker bekommen Geld- oder Bew\u00e4hrungsstrafen<\/li>\n<li>In allen anderen Universit\u00e4tsst\u00e4dten des Landes werden zusammen<span>\u00a0<\/span><strong>10<\/strong><span>\u00a0<\/span>Strafanzeigen gestellt.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Im n\u00e4chsten ruprecht: Die Schlie\u00dfung des selbstverwalteten Studentenwohnheimes \u201eCollegium Academicum\u201c k\u00fcndigt das Ende der unruhigen Zeiten an.<\/em><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Institute in Aufruhr\u201eHolt Euch die Universit\u00e4t zur\u00fcck, denn sie geh\u00f6rt den Ordinarien nicht!\u201c aus dem\u00a0Ruprecht, Nummer 37 Noch bis Ende der Siebziger Jahre war die Heidelberger Universit\u00e4t ein hei\u00dfes Pflaster \u2013 und die Erinnerung daran verfolgt noch manchen an der Uni Wenn der Professor im Fakult\u00e4tsrat pl\u00f6tzlich mit den Worten \u201esie k\u00f6nnen hier als Student [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"parent":1291,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"class_list":["post-1504","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/unshitmyfuck.mathphys.info\/home\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1504","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/unshitmyfuck.mathphys.info\/home\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/unshitmyfuck.mathphys.info\/home\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unshitmyfuck.mathphys.info\/home\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unshitmyfuck.mathphys.info\/home\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1504"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/unshitmyfuck.mathphys.info\/home\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1504\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/unshitmyfuck.mathphys.info\/home\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1291"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/unshitmyfuck.mathphys.info\/home\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1504"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}