{"id":1483,"date":"2026-09-08T16:42:06","date_gmt":"2026-09-08T14:42:06","guid":{"rendered":"https:\/\/mathphys.info\/?page_id=1483"},"modified":"2026-09-14T14:12:49","modified_gmt":"2026-09-14T12:12:49","slug":"aus-der-krankheit-eine-waffe-machen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/unshitmyfuck.mathphys.info\/home\/geschichte\/aus-der-krankheit-eine-waffe-machen\/","title":{"rendered":"Aus der Krankheit eine Waffe machen"},"content":{"rendered":"\n[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.17.1&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; background_color=&#8220;#990000&#8243; custom_margin=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; custom_padding=&#8220;20px||20px||false|false&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.17.1&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; custom_margin=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; custom_padding=&#8220;10px||16px||false|false&#8220; custom_css_main_element=&#8220;margin:auto;&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.17.1&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.27.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; header_font=&#8220;|700|||||||&#8220; header_text_color=&#8220;#FFFFFF&#8220; custom_margin=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; custom_padding=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<h1 class=\"entry-title\" style=\"text-align: center;\">Aus der Krankheit eine Waffe machen<\/h1>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section][et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.17.1&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_row make_equal=&#8220;on&#8220; _builder_version=&#8220;4.17.6&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; custom_margin=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; custom_padding=&#8220;0px||0px||false|false&#8220; animation_style=&#8220;slide&#8220; animation_direction=&#8220;top&#8220; animation_intensity_slide=&#8220;2%&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_css_main_element_last_edited=&#8220;on|tablet&#8220; custom_css_main_element_tablet=&#8220;display: flex;||flex-direction: column-reverse;&#8220; custom_css_main_element_phone=&#8220;display: flex;||flex-direction: column-reverse;&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.17.6&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; text_font=&#8220;||||||||&#8220; text_font_size=&#8220;18px&#8220; header_font=&#8220;||||||||&#8220; header_2_font=&#8220;|700|||||||&#8220; header_2_text_color=&#8220;#990000&#8243; header_2_font_size=&#8220;36px&#8220; header_2_line_height=&#8220;1.3em&#8220; header_3_font=&#8220;|700|||||||&#8220; header_3_text_color=&#8220;#990000&#8243; header_4_font=&#8220;|700|||||||&#8220; header_4_text_color=&#8220;#990000&#8243; module_alignment=&#8220;center&#8220; min_height=&#8220;165.6px&#8220; custom_margin=&#8220;-2px||||false|false&#8220; custom_padding=&#8220;||||false|false&#8220; animation_direction=&#8220;bottom&#8220; text_font_size_tablet=&#8220;16px&#8220; text_font_size_phone=&#8220;14px&#8220; text_font_size_last_edited=&#8220;on|phone&#8220; quote_font_size_tablet=&#8220;&#8220; quote_font_size_phone=&#8220;14px&#8220; quote_font_size_last_edited=&#8220;on|phone&#8220; custom_css_main_element=&#8220;margin: auto;&#8220; locked=&#8220;off&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; header_font_size__hover=&#8220;30px&#8220; header_font_size__hover_enabled=&#8220;30px&#8220; header_letter_spacing__hover=&#8220;0px&#8220; header_letter_spacing__hover_enabled=&#8220;0px&#8220; header_text_shadow_style__hover=&#8220;none&#8220; header_text_shadow_style__hover_enabled=&#8220;none&#8220; header_text_shadow_color__hover=&#8220;rgba(0,0,0,0.4)&#8220; header_text_shadow_color__hover_enabled=&#8220;rgba(0,0,0,0.4)&#8220; custom_css_main_element_last_edited=&#8220;off|desktop&#8220;]<header class=\"entry-header\">\n<h1 class=\"entry-title\"><\/h1>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content\">\n<p>aus dem<span>\u00a0<\/span><a href=\"http:\/\/www.ruprecht.de\/printarchiv\/\">Ruprecht<\/a>, Nummer 35<\/p>\n<h3>Neue Ruprecht-Serie: Revolte in Heidelberg<\/h3>\n<p><em>Wer \u201eStudentenbewegung\u201c sagt, meint meistens nur: 1968. Nicht so der ruprecht. In einer vierteiligen Serie, die in dieser Ausgabe beginnt, besch\u00e4ftigen wir uns im Schwerpunkt mit \u2013 g\u00e4nzlich unterschiedlichen \u2013 Formen studentischer \u201eRevolte in Heidelberg\u201c w\u00e4hrend der 70er Jahre: mit dem \u201eSozialistischen Patienten-Kollektiv\u201c 1970\/71, den Unruhen bei Mathematikern, Juristen und Germanisten in der Mitte des Jahrzehnts sowie dem Ende des \u201eCollegium Academicum\u201c 1978, das auch das Ende der Revolte signalisiert. Ein abschlie\u00dfender Artikel blickt zur\u00fcck auf die pragmatischeren 80er Jahre, auf den \u201eUnimut\u201c-Winter 1988\/89.<\/em><\/p>\n<h2>\u201eAus der Krankheit eine Waffe machen!\u201c<\/h2>\n<p><strong>Wo aus Psychiatrie-Patienten Revolution\u00e4re werden sollten \u2013 das Sozialistische Patientenkollektiv SPK (1970\/71)<\/strong><\/p>\n<p>Jean-Paul Sartre war \u201eau\u00dferordentlich beeindruckt\u201c. Der deutsche Staatsschutz war anderer Meinung: F\u00fcr ihn war das im Februar 1970 gegr\u00fcndete \u201eSozialistische Patientenkollektiv\u201c (\u201eSPK\u201c) keine Selbstorganisation von Psychiatrie-Patienten, sondern eine kriminelle Vereinigung. Fest steht: In den gerade mal 17 Monaten seiner umk\u00e4mpften Existenz radikalisierte sich das antipsychiatrisch-revolution\u00e4re Kollektiv bis hin zur Bewaffnung, und nach seinem Ende schlossen sich \u00fcber ein Dutzend seiner Mitglieder dem bewaffneten Kampf der \u201eRote-Armee-Fraktion\u201c (\u201eRAF\u201c) an, der in den folgenden Jahren die Republik ersch\u00fcttern sollte. Doch mit diesen Feststellungen ist die Geschichte des SPK kaum zur H\u00e4lfte erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Es ist das Jahr, in dem sich die Beatles trennen. Die Amerikaner marschieren in Kambodscha ein, Alexander Dubceks Versuch eines \u201eSozialismus mit menschlichem Gesicht\u201c scheitert, Willy Brandt f\u00e4llt im Warschauer Ghetto auf die Knie, Peter Handke ver\u00f6ffentlicht \u201eDie Angst des Torwarts beim Elfmeter\u201c, in deutschen Gazetten ist h\u00e4ufig von Oswald Kolle die Rede. Und: Im Fr\u00fchjahr dieses Jahres 1970, als das SPK seinen Anfang nimmt, treibt die Studentenrevolte gerade ihrem Ende zu. Im R\u00fcckblick auf diese Zeit wird das linke \u201eKursbuch\u201c 1985 schreiben: \u201eWenn ein gewitzter Staatssch\u00fctzer (damals) ein Mittel gesucht h\u00e4tte, um die Protestbewegung zu paralysieren, so h\u00e4tte ihm nichts Bessereres einfallen k\u00f6nnen, als was die Bewegung sich selbst verordnete: die \u201aProletarische Wende\u2018, die Schulungskurse, die Marx-Exegese, die Organisationsdebatten, die Parteigr\u00fcndungen. Es war, trotz aller M\u00e4rsche, der Stillstand der Bewegung, ihr Zerfall.\u201c<\/p>\n<p>L\u00e4ngst ist die Masse der politisierten Studenten, die selbst in der Hoch-Zeit der Bewegung eher eine (starke) Minderheit waren, an ihre Schreibtische zur\u00fcckgekehrt. Viele ziehen sich in Wohngemeinschaften, Kneipen, Kinderl\u00e4den, Selbsthilfegruppen, selbstverwaltete Betriebe, die SPD zur\u00fcck. Die lange gepflegte Gewi\u00dfheit, da\u00df die ersehnte Revolution vor der T\u00fcr stehe, weicht bei nicht wenigen Linken dem schleichenden Gef\u00fchl, da\u00df sie, wenngleich letztlich unaufhaltsam, doch noch eine Weile auf sich wird warten lassen.<\/p>\n<p>Auch in der Heidelberger Provinz zeigt die einstmals so m\u00e4chtig auftretende Studentenrevolte in diesem Jahr 1970 ein Bild der Ersch\u00f6pfung: \u201eDie Bewegung war in einer Sackgasse\u201c, wird sich der Heidelberger Altlinke Dietrich Hildebrandt erinnern. \u201eWir konnten noch verhindern, da\u00df bestimmte Professoren Vorlesungen hielten, wu\u00dften aber nicht, wohin damit.\u201c Ende November spaltet sich die Heidelberger Sektion des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, der die Bewegung einst vorangetrieben hat; Hildebrandt: \u201eFreundschaften zerbrachen, Wohngemeinschaften gingen in die Br\u00fcche.\u201c In der Folge lassen sich die Studenten noch gelegentlich zu \u2013 teilweise spektakul\u00e4ren \u2013 Aktionen mobilisieren, aber, so Hildebrandt, \u201evon den selbstgesteckten Zielen wirklich etwas erreicht hatte die Bewegung nicht\u201c.<\/p>\n<p>Die Schw\u00e4che der Revoluzzer bleibt ihren Gegnern nicht verborgen: Die Landesregierung, voran Kultusminister Wilhelm Hahn, will jetzt endlich gegen die Radikalen an den Universit\u00e4ten vorgehen. Ein konservatives<span>\u00a0<\/span><em>rollback<\/em><span>\u00a0<\/span>beginnt und findet im \u201eRadikalenerla\u00df\u201c zwei Jahre sp\u00e4ter, den auch die SPD mittr\u00e4gt, einen seiner H\u00f6hepunkte. In seinem Buch \u201eDer Untergang von Heidelberg\u201c wird der Heidelberger Schriftsteller Michael Buselmeier 1981 formulieren: \u201eDie liberalen Freir\u00e4ume vor allem an der Universit\u00e4t, die uns 1968 beinahe kampflos zugefallen waren, wurden nun Zug um Zug unter Kn\u00fcppelschl\u00e4gen und Drohungen wieder kassiert.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Reste der Studentenbewegung derart mit sich selbst besch\u00e4ftigt sind und das \u201eSystem\u201c, wie es damals Mode wird zu sagen, sich zum Widerstand aufrappelt, findet die Revolte neue Wege: Am 2. M\u00e4rz 1970 beziehen der Arzt Dr. Wolfgang Huber, drei Kollegen (darunter seine Frau Ursula) und 40 ehemalige Patienten der Psychiatrischen Poliklinik eine 4-Zimmer-Wohnung im Erdgescho\u00df der Rohrbacher Stra\u00dfe 12, richten Therapieangebote und Arbeitskreise ein \u2013 das \u201eSozialistische Patientenkollektiv\u201c (\u201eSPK\u201c) ist geboren.<\/p>\n<p>Die Klinik hat den 35j\u00e4hrigen Assistenarzt Huber nach langen Streitereien entlassen; der Vorwurf: er verweigere die Zusammenarbeit und mi\u00dfbrauche seine Gruppentherapie zur \u201eAufhetzung von Patienten gegen die Klinikleitung und die \u00fcbrigen Mitarbeiter der Poliklinik\u201c sowie zu politischer Agitation. Gespr\u00e4che hat Huber abgelehnt; er erkl\u00e4rt, er m\u00fcsse sich um seine Patienten k\u00fcmmern. Viele von ihnen haben sich auf einer Vollversammlung \u2013 der ersten in der Geschichte der Bundesrepublik \u2013 mit ihm solidarisiert; gut drei Dutzend haben mit ihm die Klinik verlassen und von Rektor Prof. Rolf Rendtorff eine Woche sp\u00e4ter per Hungerstreik Zusagen erzwungen: Die Universit\u00e4t finanziert der Gruppe das Quartier in der Rohrbacher Stra\u00dfe (und bezahlt Hubers Gehalt); Voraussetzung ist, da\u00df der Arzt die begonnenen Behandlungen bis Ende September dort abschlie\u00dft. Um einen Vertrag wird lange gestritten; einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr den Hader: Statt sich selbst abzuwickeln, \u00f6ffnet sich das SPK f\u00fcr mehr Patienten; zeitweilig versorgt es angeblich bis zu 500 Menschen, nicht mehr vor allem Studenten, sondern zunehmend auch Arbeiter, Sch\u00fcler, Angestellte.<\/p>\n<p>Revolution.<\/p>\n<p>Wof\u00fcr das Kollektiv in den n\u00e4chsten Monaten mit Flugbl\u00e4ttern,<span>\u00a0<\/span><em>teach-ins<\/em>, einer Petition an den Landtag und allerhand anderen Aktionen streitet, ist ein therapeutisches Experiment, das eine ganze Reihe von Impulsen \u2013 Hegelsche Dialektik, Marxismus, Freudsche Psychoanalyse, Wilhelm Reich, Antipsychiatrie, die anti-institutionelle Studentenbewegung \u2013 aufnimmt und sogar nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der damaligen Zeit, die an Umbr\u00fcchen wahrlich reich ist, gewagt daherkommt: \u201eGenossen!\u201c, hei\u00dft es da griffig im SPK-\u201ePatienten-Info Nr. 1\u201c vom Juni 1970. \u201eEs darf keine therapeutische Tat geben, die nicht zuvor klar und eindeutig als revolution\u00e4re Tat ausgewiesen worden ist.\u201c Tats\u00e4chlich ist Hubers Therapiemodell immens politisch \u2013 aber das ist ja auch sein Grund-Credo: \u201eKrankheit\u201c, so erkl\u00e4rt das SPK, \u201eist kein Vorgang im einzelnen Menschen, krank ist unsere Gesellschaft\u201c; was \u201aKrankheit\u2018 genannt werde, sei eigentlich der \u201eindividuelle bewu\u00dftlose Ausdruck der gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche\u201c im Kapitalismus. Dieser produziere Krankheit, um Kapital zu schaffen \u2013 ein Vernichtungssystem, in dem auch die Medizin, insbesondere die Psychiatrie, ihre Funktion habe: \u201eSie stellt den Kranken f\u00fcr den Arbeitsproze\u00df wieder her, so da\u00df er wieder Mehrwert produzieren kann. (Der Arbeiter) kommt schon als Zerst\u00f6rter in die Klinik und wird dort vollends verst\u00fcmmelt.\u201c<\/p>\n<p>Aus dieser Analyse gibt es f\u00fcr das SPK nur eine Konsequenz: \u201eIm Sinne der Kranken kann es nur eine zweckm\u00e4\u00dfige bzw. kausale Bek\u00e4mpfung ihrer Krankheit geben, n\u00e4mlich die Abschaffung der krankmachenden privatwirtschaftlich-patriarchalischen Gesellschaft.\u201c W\u00e4hrend die traditionelle Psychiatrie darauf aus sei, den Kranken an Verh\u00e4ltnisse wiederanzupassen, die ihn doch gerade krank gemacht haben, zielt der SPK-Ansatz auf \u201eEmanzipation\u201c: Der Kranke soll seine scheinbare Schw\u00e4che Krankheit produktiv machen, sie aus einem \u201ebewu\u00dftlosen Ungl\u00fcck\u201c in ein \u201eungl\u00fcckliches Bewu\u00dftsein\u201c verwandeln, das die Ursache seines Elends erkennt. Die gew\u00fcnschte Folge: \u201eDer Leidensdruck als subjektive Notwendigkeit der Ver\u00e4nderung wird politisch\u201c, die Krankheit produziert \u201eihr eigenes Gegenteil, die Revolution.\u201c<\/p>\n<p>Damit ist das SPK in der historischen Situation, in der sich die Linke 1970 befindet, ebenso eine Antwort auf die Lenin\u2019sche Frage nach dem \u201eWas tun?\u201c wie andere Gebilde, die in jener Zeit aus der Konkursmasse der Studentenbewegung entstehen: das Heer von Gruppen und Gr\u00fcppchen maoistischer, leninistischer, trotzkistischer Ausrichtung etwa oder die terroristische RAF. Die Linke sucht schon lange nach dem, was sie das \u201erevolution\u00e4re Subjekt\u201c nennt: dem potentiellen Tr\u00e4ger der Revolution. In der Entt\u00e4uschung dar\u00fcber, da\u00df sich das urspr\u00fcnglich f\u00fcr diese Rolle ausgeguckte Proletariat mit dem Aufstand noch Zeit l\u00e4\u00dft, hat ein Teil der Linken gar zur sogenannten Randgruppen-Strategie gegriffen: der Idee, da\u00df soziale marginalisierte Gruppen wie Heimz\u00f6glinge oder randst\u00e4ndige Jugendliche aus ihrer versch\u00e4rft unterprivilegierten Situation heraus besonders als Ausgangspunkt der Umw\u00e4lzung taugen. Das SPK nun lokalisiert das revolution\u00e4re Subjekt in einer Gruppe, die es zun\u00e4chst als Avantgarde begreift: in den Kranken, die die Widerspr\u00fcche des Systems am sinnlichsten erfahren. \u201eRevolution machen\u201c, so hei\u00dft es im \u201eInfo\u201c Nr. 38, \u201ek\u00f6nnen nur die, die begriffen haben, da\u00df sie nichts als ihr krankes, gebrochenes Dasein zu verlieren haben.\u201c Schnell aber erweitert das SPK seine Randgruppen- zur Universal-Strategie: \u201eWir sind alle krank\u201c \u2013 potentieller Revolution\u00e4r: jedermann.<\/p>\n<p>Um solche Theorien und das weitere Schicksal des SPK entbrennt nicht nur eine \u00f6ffentliche Debatte, sondern auch ein regelrechter Gutachterkrieg: Auf SPK-Seite sprechen sich drei von Rendtorff kontaktierte Wissenschaftler \u2013 unter ihnen der Sozialpsychologe Prof. Peter Br\u00fcckner aus Hannover \u2013 daf\u00fcr aus, das Kollektiv, gegebenfalls als universit\u00e4re Einrichtung, fortzuf\u00fchren. Auf der anderen Seite verurteilt die etablierte Universit\u00e4tsmedizin in der Person des Klinikchefs Prof. Walter von Baeyer und zweier ausw\u00e4rtiger Professoren \u2013 ausschlie\u00dflich auf der Grundlage des Aktenstudiums \u2013 das Konzept des SPK als \u201eunwissenschaftlich\u201c und f\u00fcr Patienten \u201eausgesprochen sch\u00e4dlich\u201c. Es sei \u201edurchaus denkbar\u201c, schreibt etwa der Ulmer Gutachter Prof. Hans Thomae, da\u00df sich die Mitgliedschaft im SPK \u201etherapeutisch\u201c auswirken werde \u2013 \u201eebenso wie es f\u00fcr manche Menschen hilfreich sein kann, Angeh\u00f6rige einer Sekte zu werden\u201c; wie seine Kollegen r\u00e4t auch er heftigst davon ab, die \u201eUtopie von wahn\u00e4hnlichem Charakter\u201c an der Hochschule zu institutionalisieren.<\/p>\n<p>Kollektiv.<\/p>\n<p>Derweil l\u00e4uft in der Rohrbacher Stra\u00dfe die ganz andere Therapie des SPK sieben Tage in der Woche, von 9 Uhr morgens bis 10 Uhr abends oder noch l\u00e4nger \u2013 in Einzelsitzungen, die jetzt \u201eEinzelagitationen\u201c hei\u00dfen, und in 10 bis 12 Gruppen, den \u201eGruppenagitationen\u201c, mit jeweils einem Dutzend Teilnehmer. Drei wissenschaftliche Arbeitskreise \u2013 \u201eDialektik\u201c; \u201eMarxismus\u201c; \u201eSexualit\u00e4t, Erziehung, Religion\u201c \u2013 sollen die theoretischen Grundlagen f\u00fcr die Agitationen liefern; als Texte werden u.a. Hegel, Marx sowie Luk\u00e1cs benutzt. \u201e\u00e4rzte\u201c gibt es im SPK nicht mehr, sondern nur noch \u201eTr\u00e4ger \u00e4rztlicher Funktionen\u201c, will man das Arzt-Patient-Verh\u00e4ltnis als Ausdruck der \u201eObjektrolle\u201c des Patienten doch aufheben; stattdessen soll \u201ejeder Patient Therapeut seiner selbst und anderer Patienten\u201c werden.<\/p>\n<p>Obwohl das SPK monatelang unter dem Schatten der drohenden Schlie\u00dfung existiert, ist es f\u00fcr viele Mitglieder \u2013 Revolution hin oder her \u2013 offenbar eine bereichernde Erfahrung. Ein Ehemaliger wird 1992 in der Zeitschrift \u201ebrennpunkte\u201c zur\u00fcckdenken: \u201eMan sah an anderen und hat es auch in sich selbst gesp\u00fcrt, da\u00df es m\u00f6glich war, angstfrei Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen. Man konnte im SPK erleben, da\u00df (Kollektivit\u00e4t) etwas sehr Befreiendes, Befriedigendes und Vielversprechendes ist und keineswegs einen Gegensatz bildet zu individueller Entwicklung.\u201c Auch die drei Pro-SPK-Gutachter, die das Kollektiv besichtigen, best\u00e4tigen zumeist diese Darstellung. Dr. Dieter Spazier etwa, Heidelberger Facharzt f\u00fcr Psychiatrie, h\u00e4lt fest, es sei \u201eerstaunlich, wie besonnen, gegenseitig verst\u00e4ndnisvoll und soziabil, dabei vor allem auch leistungsf\u00e4hig\u201c das Kollektiv trotz seines unsicheren Status arbeite.<\/p>\n<p>Freilich: Einem der SPK-Bef\u00fcrworter, dem Gie\u00dfener Psychosomatiker Prof. Horst Eberhard Richter, f\u00e4llt im Verhalten des Kollektivs auch Beunruhigendes auf: \u201eEs hat sich anscheinend unter dem Einflu\u00df eines gruppendynamischen Prozesses ein regelrechtes kollektives Ich gebildet. Der Glaube an die \u00fcberragende therapeutische Qualit\u00e4t und an den politischen Stellenwert des Unternehmens ist f\u00fcr die Anh\u00e4nger kaum noch diskussionsf\u00e4hig.\u201c Richter schlie\u00dft mit den Worten: \u201eEin direkter revolution\u00e4rer politischer Kampf auf der Basis gruppentherapeutischer Krankenbehandlung w\u00e4re nichts als eine Absurdit\u00e4t\u201c \u2013 doch genau in diese Richtung treibt die Entwicklung.<\/p>\n<p>Seit Herbst 1970 n\u00e4mlich spitzt sich die Auseinandersetzung zu. Im September schl\u00e4gt sich Minister Hahn auf die Seite der SPK-Gegner und untersagt der Universit\u00e4t Heidelberg \u201eaus medizinischen und rechtlichen Gr\u00fcnden\u201c, das \u201eProvisorium\u201c SPK weiterhin zu unterst\u00fctzen. Von der Gegenseite verlautet prompt in einem \u201eInfo\u201c: \u201eDas SPK wird sich allen \u201aBeendigungsversuchen\u2018 \u2013 von welcher Seite auch immer \u2013 nicht kampflos unterwerfen.\u201c<\/p>\n<p>Kampf.<\/p>\n<p>Bald besitzt das Kollektiv auch an der Universit\u00e4t keinen Verb\u00fcndeten mehr: Dem Rektor, der bem\u00fcht ist, Polizeieins\u00e4tze in der Hochschule zu vermeiden, sind durch die Weisung des Ministers die H\u00e4nde gebunden; die private Finanzierung f\u00fcr das SPK, um die er sich bem\u00fcht, lehnt das Kollektiv ab \u2013 und l\u00e4\u00dft es sich nicht nehmen, Rendtorff \u00f6ffentlich als \u201eJudas\u201c und Schlimmeres zu beschimpfen. Doch auch unter den linken Studenten hat das SPK wenig Unterst\u00fctzung. Dietrich Hildebrandt, zu jener Zeit Vorsitzender des AStA, meint heute: \u201eDas SPK hat uns so erfahren, wie sie das Rektorat auch erfuhren \u2013 als eine verha\u00dfte Autorit\u00e4t.\u201c Michael Buselmeier, damals auch politisch aktiv, r\u00e4umt ein: \u201eIn vielen Fragen waren wir vom SPK gar nicht so weit entfernt, wir dachten nur, die sind ein bissl verr\u00fcckt, die machen alles falsch.\u201c Ein anderer Aktivist denkt an Begegnungen mit Dr. Huber zur\u00fcck: \u201eIch k\u00f6nnte mich nicht erinnern, da\u00df es zwischen uns jemals zu einer Kommunikation gekommen w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>Derart \u201eisoliert\u201c (Buselmeier), zieht sich das SPK wohl immer st\u00e4rker in sich selbst zur\u00fcck. Was genau in diesen Monaten seit Herbst 1970 im Kollektiv geschieht, ist schon damals f\u00fcr Au\u00dfenstehende schwer durchschaubar, l\u00e4\u00dft sich aus heutiger Perspektive nur erahnen. Wenn die weiterhin erscheinenden \u201ePatienten-Infos\u201c, die immer w\u00fctender, verzweifelter, entschlossener werden, einen Anhaltspunkt bieten, kommt es zu dem, was der sp\u00e4tere RAF-Terrorist Klaus J\u00fcnschke, damals SPK-Mitglied, in einem Interview 1985 \u201eRadikalisierung und Brutalisierung\u201c nennen wird. Rektor Rendtorff wird 1995<span>\u00a0<\/span><em>ruprecht<\/em><span>\u00a0<\/span>berichten: \u201eMitten in der Nacht rief Huber mich an. Er sagte: \u201aWir sitzen hier (im SPK) und haben Handgranaten. Wenn die Polizei kommt, sprengen wir das Ding in die Luft.&#8217;\u201c<\/p>\n<p>Die Spirale der Konfrontation ist nicht mehr aufzuhalten. Ob sie sich vornehmlich aus der Abwehrhaltung von Politik und Universit\u00e4t ergibt oder in dem revolution\u00e4ren Grundansatz des SPK bereits vorgezeichnet ist, ist schon lange nebens\u00e4chlich (und im \u00fcbrigen kaum eindeutig zu entscheiden). Das SPK, das sich mit den Juden im Dritten Reich vergleicht, ist sp\u00e4testens seit dem Selbstmord eines M\u00e4dchens aus der Gruppe im April 1971 \u00fcberzeugt, da\u00df der Staat nicht nur das Kollektiv als Institution, sondern auch die darin versammelten Kranken \u2013 im SPK-Jargon \u2013 \u201eliquidieren\u201c will; die Polizei schlie\u00dft nicht aus, da\u00df der Suizid von der Gruppe forciert wurde, um deren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Da\u00df sich im SPK nicht (wie bei den K-Gruppen) Aktivisten sammeln, die unter Berufung auf Marx, Mao und\/oder einen anderen Denker die Gesellschaft ver\u00e4ndern wollen, sondern Patienten, die sicher sind,nur eine Chance auf \u00fcberleben zu haben, wenn sie Revolution machen, versch\u00e4rft den Konflikt existentiell.<\/p>\n<p>Ein r\u00e4tselhafter Vorfall in den fr\u00fchen Morgenstunden des 24. Juni 1971 ist der Auftakt zum letzten Akt des Dramas um das SPK: Gegen drei Uhr morgens schie\u00dfen Unbekannte in Wiesenbach in der N\u00e4he Heidelbergs auf einen Polizeiposten, der eine Verkehrskontrolle d\u00fcrchf\u00fchrt, und fl\u00fcchten. Da ein Zusammenhang mit der (noch \u201eBaader-Meinhof-Gruppe\u201c genannten) RAF vermutet wird, schaltet sich das Bundeskriminalamt ein; obwohl 350 Beamte ihn suchen, ist der Sch\u00fctze nicht zu finden. Daf\u00fcr erscheint am n\u00e4chsten Tag \u2013 es gibt Hinweise, Huber habe den Gesuchten zur Flucht verholfen \u2013 die Polizei beim SPK, durchsucht die R\u00e4ume in der Rohrbacher Stra\u00dfe und Privatwohnungen und nimmt acht Mitglieder fest; zwei davon bleiben unter dem Verdacht der Unterst\u00fctzung der RAF inhaftiert, die anderen, auch Huber, werden nach Verh\u00f6ren freigelassen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das SPK ist klar: Die \u201eendg\u00fcltige Vernichtung\u201c des Kollektivs soll vorbereitet werden; klar ist auch: \u201eAntwort\u201c kann \u201enur der totale Widerstand = Angriff\u201c sein. Das SPK \u2013 oder doch eine ma\u00dfgebliche Gruppe darin \u2013 zeigt sich nun offen zur Militanz entschlossen; Waffen hat man auch schon besorgt. Als Strategie wird \u201eein Volkskrieg von sehr langer Dauer\u201c propagiert, der nach dem Vorbild des Vietcong als Guerillakrieg zu f\u00fchren sei: \u201eerst unbewaffnet, dann bewaffnet\u201c. Am 13. Juli erscheint das letzte Flugblatt, auf dem die Buchstaben \u201eSPK\u201c durchgestrichen und durch \u201eRAF\u201c ersetzt sind; darunter eine Art Gedicht: \u201eWenn wir umzingelt sind, entweichen wir.\u201c Das SPK taucht ab.<\/p>\n<p>Ende.<\/p>\n<p>Jetzt geht alles ganz schnell: Ein Ex-Mitglied sagt bei der Polizei aus; am 21. Juli r\u00fcckt die Polizei mit 300 Beamten und elf Haftbefehlen erneut in den SPK-R\u00e4umen und verschiedenen Privatwohnungen an. Bei den Durchsuchungen werden eine Ausr\u00fcstung zur F\u00e4lschung von F\u00fchrer- und Kfz-Scheinen, mehrere Waffen, Munition und Sprengstoff gefunden. F\u00fcr die Polizei, die das Kollektiv auch schon einige Zeit observiert hat, ist klar: \u201eEine Anzahl von Mitgliedern des SPK Heidelberg steht in dringendem Verdacht, sich zu einer kriminellen Vereinigung zusammengeschlossen zu haben, die zum Teil schon strafbare Handlungen begangen beziehungsweise geplant hat.\u201c Der \u201eSpiegel\u201c kommentiert lapidar: \u201e(Die) Kripo-Funde deuten sicher nicht auf einen normalen Praxis-Betrieb Hubers und seiner Genossen hin.\u201c Der Arzt und seine Frau werden zusammen mit f\u00fcnf anderen verhaftet; andere SPK-Genossen tauchen unter. Viele der ehemaligen Patienten wenden sich traditionellen Therapieeinrichtungen wie der gerade eingerichteten Beratungsstelle des Studentenwerks zu oder gehen in keine Behandlung mehr. Und auch wenn ein \u201eInformationszentrum Rote Volksuniversit\u00e4t\u201c weiterhin Propaganda f\u00fcr das Kollektiv macht (und, wie<span>\u00a0<\/span><em>ruprecht<\/em><span>\u00a0<\/span>erfuhr, versucht, K\u00e4mpfer f\u00fcr den Untergrund zu rekrutieren): Das SPK ist faktisch am Ende.<\/p>\n<p>Die weiteren Ermittlungen der Polizei ergeben, da\u00df im SPK ein \u201einnerer Kreis\u201c um Dr. Huber existiert hat, der vor dem Rest der Mitglieder geheimgehalten wurde und aus ca. 12 Leuten bestand, die als \u201eStadtguerillatruppe\u201c arbeiteten; dieser Kreis, der sich regelm\u00e4\u00dfig in Hubers Haus in Wiesenbach getroffen habe, habe sich bewaffnet, vier eigene \u201eArbeitskreise\u201c \u2013 \u201eFunktechnik\u201c, \u201eSprengtechnik\u201c, \u201eFototechnik\u201c, \u201eKarate\u201c \u2013 gebildet, Revolutionspl\u00e4ne geschmiedet und zur \u00fcbung einige kleinere Anschl\u00e4ge ver\u00fcbt. Ab November 1972 folgen mehrere Prozesse gegen Mitglieder der Gruppe, in derem ersten Huber und seine Frau wegen \u201eBeteiligung an einer kriminellen Vereinigung, Sprengstoffherstellung und Urkundenf\u00e4lschung\u201c zu mehrj\u00e4hrigen Haftstrafen verurteilt werden. Auch die Approbation als Arzt verliert Huber \u2013 f\u00fcr den \u201e<em>outlaw<\/em><span>\u00a0<\/span>der Psychiatrie\u201c (\u201eStuttgarter Zeitung\u201c) wohl eher Ehrung als Strafe.<\/p>\n<p>F\u00fcr nicht wenige aus der Gruppe indessen geht der Kampf in anderer Form weiter. Klaus J\u00fcnschke wird sich im Interview entsinnen: \u201eNach der Zerschlagung des SPK herrschte Verzweiflung, man mu\u00dfte etwas tun.\u201c Seine Konsequenz: \u201eEin paar Monate sp\u00e4ter war ich bei der RAF.\u201c Ehemalige SPK-Mitglieder, die schon l\u00e4nger im Untergrund sind, nehmen Kontakt mit ihm auf, er erkl\u00e4rt sich bereit, \u201eEink\u00e4ufe\u201c zu machen: Autonummernschilder, Wohnungen. Gudrun Ensslin gibt ihm den Codenamen \u201eSp\u00e4tlese\u201c; er ist bei der \u201ek\u00e4mpfenden Truppe\u201c (J\u00fcnschke) angekommen. F\u00fcr ihn, so wird er bemerken, ist es \u201ekeine Frage, als die RAF kam und sagte, machst du mit. Die Rote Armee aufbauen, Sieg im Volkskrieg\u201c \u2013 \u00e4hnliches hat er schon beim SPK geh\u00f6rt, wenngleich man bei seiner neuen Truppe von den Theorien des Kollektivs wenig wissen will, Ensslin ver\u00e4chtlich von den \u201eSPK-Flippern\u201c spricht.<\/p>\n<p>Gleichwohl tut wie J\u00fcnschke mehr als ein gutes Dutzend Leute aus dem Kollektiv und seinem Umfeld den Schritt zur RAF \u2013 ein Gro\u00dfteil der sog. \u201ezweiten Generation\u201c der Terror-Gruppe. Ex-SPK-Mitglied Margrit Schiller etwa ist jene Frau, die verhaftet wird, kurz nachdem am 22. Oktober 1971 der Zivilfahnder Norbert Schmidt von einem Terroristen-P\u00e4rchen erschossen wird \u2013 der erste Polizeibeamte, der durch die RAF den Tod findet. Unter den sechs Terroristen, die 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm \u00fcberfallen, ein Dutzend Geiseln nehmen und zwei davon mit Kopfschu\u00df t\u00f6ten, bevor sie das Geb\u00e4ude in die Luft sprengen, sind vier Ex-SPKler: Lutz Taufer, Bernhard R\u00f6ssner, Hanna Krabbe und Siegfried Hausner. Auf ihrer Liste freizupressender Genossen steht auch Eberhard Becker, ehemals Anwalt des SPK. Elisabeth von Dyck, Ralf Baptist Friedrich, Sieglinde Hofmann, Friederike Krabbe schlie\u00dflich, ehemalige SPK-Mitglieder auch sie, sind Teil der Truppe, die die RAF-\u201eOffensive\u201c des Jahres 1977 \u2013 die Trag\u00f6die des \u201edeutschen Herbstes\u201c \u2013 vorbereitet. Sie machen ihren eigenen \u201eVolkskrieg\u201c \u2013 auch wenn sich das Volk damit begn\u00fcgt, sachdienliche Hinweise zu ihrer Festnahme zu geben.<\/p>\n<p>Epilog.<\/p>\n<p>Wo Wolfgang Huber sich heute aufh\u00e4lt, wissen nur Eingeweihte. 1973 ruft er, noch aus seiner Stammheimer Zelle heraus, die \u201ePatientenfront\u201c (\u201ePF\u201c) aus, die er als \u201eR\u00fcckkehr zu den Wurzeln\u201c des SPK versteht. Im Januar 1976 werden er und seine Frau aus der Haft entlassen; 1985 gr\u00fcndet sich in Mannheim die Gruppe \u201eKrankheit im Recht\u201c, die die SPK-Schriften verlegt, die SPK-Arbeit fortf\u00fchrt und gegen die \u201e\u00e4rzteklasse\u201c k\u00e4mpft. Sie hat auch Kontakt zu Huber, lehnt aber Gesuche um ein Interview ab. Huber sei \u201eviel unterwegs\u201c, hei\u00dft es, in Sachen Kampf gegen die \u201eIatrokratie\u201c (i.e. \u201eHerrschaft der \u00e4rzte\u201c); ein Kenner aus der linken Szene kommentiert: \u201eDen Huber halten sie wie den Gro\u00dfen Alten Mann im Hintergrund.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKrankheit im Recht\u201c h\u00fctet auch die SPK-Geschichte \u2013 und tut es mit Verve: \u201eH\u00e4nde weg vom SPK\u201c, verlautbart man; Presseanfragen, nicht nur die des<span>\u00a0<\/span><em>ruprecht<\/em>, werden zuerst zuvorkommend, dann aber zunehmend restriktiv (und schon mal mit einer Drohung) beantwortet. Daf\u00fcr gibt die selbstgebastelte Historie dann den gew\u00fcnschten Grund zur Freude: Das Ende des SPK im Juli 1971 sei nur ein \u201estrategischer R\u00fcckzug\u201c gewesen, seit Hubers Entlassung sei die SPK\/PF-Arbeit erfolgreich \u201eauf alle Kontinente ausgeweitet\u201c worden, Huber stehe in einer direkten Ahnenreihe mit Hegel, Marx und Sartre.<\/p>\n<p>Anfang dieses Jahres feiert man bei SPK\/PF ein dreifaches Jubeldatum: 25 Jahre SPK, den 60. Geburtstag Hubers, 10 Jahre \u201eKrankheit im Recht\u201c. Zum Anla\u00df verfa\u00dft die Front einen Text, der, von der Gruppe zur Hammondorgel selbst dargeboten, vom SPK-Verlag auf Tonbandkassette angefordert werden kann. Im Schlu\u00dfrefrain singen die Patienten: \u201eFragst Du nach dem alten Huber, Huber, Huber \/ Fragst Du nach dem alten Huber \/ Ja, es ist der alte noch.\u201c (bpe)<\/p>\n<p><strong>Kurze Chronik des SPK<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><em>12. Februar \u201970:\u00a0<\/em><em>Patientenvollversammlung in der Psychiatrischen Poliklinik Heidelberg gegen die drohende Entlassung des Assistenzartes Dr. Wolfgang Huber; kurz darauf wird der Arzt gek\u00fcndigt.<\/em><\/li>\n<li><em>2. M\u00e4rz \u201970:\u00a0<\/em><em>Nach Hungerstreik im Dienstzimmer des Verwaltungsdirektors der Universit\u00e4tskliniken beziehen die Patienten von der Universit\u00e4t befristet finanzierte R\u00e4ume in der Rohrbacher Str. 12 \u2013 die Geburt des SPK.<\/em><\/li>\n<li><em>Juni \u201970:\u00a0<\/em><em>\u201ePatienten-Info\u201c Nr. 1: \u201eGenossen! Das System hat uns \u201akrank\u2018 gemacht; geben wir dem kran-ken System den Todessto\u00df!\u201c<\/em><\/li>\n<li><em>6. Juli \u201970:\u00a0<\/em><em>Mitglieder des SPK besetzen das Rektorat; ihre Forderung: \u201eunbefristete \u00fcberlassung\u201c von zwei H\u00e4usern mit je 10 Zimmern.<\/em><\/li>\n<li><em>9. Juli \u201970:\u00a0<\/em><em>Der Verwaltungsrat beschlie\u00dft: SPK soll eine Einrichtung der Universit\u00e4t werden; es folgt ein Gutachterkrieg.<\/em><\/li>\n<li><em>18. September \u201970:\u00a0<\/em><em>Kultusminister Wilhelm Hahn erl\u00e4\u00dft eine Weisung gegen die Institutionalisierung des SPK.<\/em><\/li>\n<li><em>24. November \u201970:\u00a0<\/em><em>Der Senat beschlie\u00dft: \u201eDas SPK kann keine Einrichtung an der Universit\u00e4t werden.\u201c<\/em><\/li>\n<li><em>24. Juni \u201971:\u00a0<\/em><em>Nach den \u201eSch\u00fcssen von Wiesenbach\u201c f\u00fchrt die Polizei eine Razzia gegen das SPK durch; acht Mitglieder, darunter Dr. Huber und seine Frau, werden festgenommen.<\/em><\/li>\n<li><em>2. Juli \u201971:\u00a0<\/em><em>\u201ePatienten-Info\u201c Nr. 49: \u201eMAHLER, MEINHOF, BAADER \u2013 das sind unsere Kader!\u201c<\/em><\/li>\n<li><em>21. Juli \u201971:\u00a0<\/em><em>Entscheidender Schlag der Polizei: H\u00e4user werden durchsucht, insgesamt sieben SPK-Mitglieder verhaftet; Waffen und Munition werden gefunden.<\/em><\/li>\n<li><em>19. Dezember \u201972:\u00a0<\/em><em>Das Urteil im 1. SPK-Proze\u00df wird verk\u00fcndet: Dr. Wolfgang Huber und Dr. Ursel Huber werden zu je 4 1\/2 Jahren Gef\u00e4ngnis, Siegfried Hausner zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt (1974 entlassen, taucht er ab und geht \u2013 wie viele andere Ex-SPKler \u2013 zur RAF).<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Stellungnahmen<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><em>\u201eDas SPK war ein offener und vielf\u00e4ltiger Proze\u00df, der am Ende \u00fcber der panischen Abwehrreaktion der Machthabenden in Universit\u00e4t und Politik zur Sekte verkam, in der das Vorl\u00e4ufige, unfertig Erarbeitete zum Dogma wurde.\u201c \u2013\u00a0<\/em><em>Lutz Taufer, ehem. SPK, RAF<\/em><\/li>\n<li><em>\u201eDa, wo eine Gemeinschaft nach dem Paradies im Hier und Jetzt sucht, endet es in Jonestown. Ich bin in meiner Radikalisierung sehr intolerant geworden, damals. Es ist nat\u00fcrlich auch irre, gemessen am eigenen Anspruch, die Welt zu ver\u00e4ndern, wenn man sich so brutalisiert.\u201c \u2013\u00a0<\/em><em>Klaus J\u00fcnschke, ehem. SPK, RAF<\/em><\/li>\n<li><em>\u201eEs w\u00e4re zu fragen, welchen Grad von Besonnenheit und Zielgerichtetheit ein politischer Kampf gewinnt, der von der Dynamik des Ausagierens unbew\u00e4ltigter psychischer Konflikte bestimmt wird.\u201c \u2013\u00a0<\/em><em>J\u00f6rg Bopp, Psychotherapeut<\/em><\/li>\n<li><em>\u201eDas SPK hatte eine totalit\u00e4re Struktur. Entweder man bekannte sich mit Haut und Haaren dazu, oder man wurde angefeindet \u2013 Zust\u00e4nde, wie man sie von Politsekten kennt.\u201c \u2013\u00a0<\/em><em>Studentischer SPK-Zeitzeuge<\/em><\/li>\n<li><em>\u201eMan m\u00fc\u00dfte sich fragen, was aus dem SPK geworden w\u00e4re, wenn es an der Uni institutionalisiert worden w\u00e4re. Es h\u00e4tte durchaus sein k\u00f6nnen, da\u00df die Mitglieder zufrieden gewesen w\u00e4ren mit einem radikalen, auf die Psychiatrie und deren Revolutionierung bezogenen Konzept; es ist nicht unbedingt logisch, da\u00df manche den Schritt zur RAF machten.\u201c \u2013\u00a0<\/em><em>Michael Buselmeier<\/em><\/li>\n<li><em>\u201eDie Geschichte des SPK ist eine\u00a0<\/em><em>Verfolgungsgeschichte, die gleicherma\u00dfen die Spuren eines vergeblichen inneren Bem\u00fchens um therapeutische Problembearbeitung und die Spuren der vergeblichen M\u00fche spiegelt, die Angriffe von au\u00dfen abzuwehren.\u201c \u2013\u00a0<\/em><em>Dieter Spazier\/J\u00f6rg Bopp,\u00a0<\/em><em>Psychotherapeuten<\/em><\/li>\n<li><em>\u201eUnd was ist aus den Verfolgern des (SPK) geworden? Keiner ohne daraufhin gebrochene Karriere und viele inzwischen verstorben. Merkw\u00fcrdig? Nein, zwangsl\u00e4ufig und\u00a0<\/em><em>wiederholbar.\u201c \u2013\u00a0<\/em><em>Aus einer SPK-Chronik, 1995<\/em><\/li>\n<li><em>\u201eNichts, was meinen Widerwillen begr\u00fcndet, hat etwas zu tun mit \u00e4rztemoral, \u00e4rztegeschichten, \u00e4rztlichen Kunstfehlern oder mit ihrer Bereicherungssucht. Nichts mit Charakterst\u00e4rke oder \u00fcberlegenheit in eigener Sache, die ich mir selbst oder sonstwem noch zu beweisen h\u00e4tte, sondern: Entweder ist die \u00e4rzteklasse die herrschende, die alles durchherrschende, die folglich weg mu\u00df, weil es schlecht l\u00e4uft in der Welt, oder ich habe mich geirrt. Dann habe ich wenigstens f\u00fcr viele den Platz ger\u00e4umt. Und es herrscht ja \u00c4rzteschwemme.\u201c \u2013<\/em><em>\u00a0Wolfgang Huber, November 1992<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<h3>Literatur u.a.<\/h3>\n<p>Butz Peters, \u201eRAF\u201c; Margot Overath, \u201eDrachenz\u00e4hne\u201c (Dank); Stefan Aust, \u201eDer Baader-Meinhof-Komplex\u201c; Gerd Langguth, \u201eProtestbewegung\u201c; Wanda von Baeyer-Katte et al., \u201eGruppenprozesse\u201c; J\u00f6rg Bopp, \u201eAntipsychiatrie\u201c Quellen u.a.: \u201eDokumentationen zum SPK an der Universit\u00e4t Heidelberg\u201c, Bd. 1-3; \u201eKleinkrieg gegen Patienten. Dokumentation zur Verfolgung des SPK Heidelberg\u201c; SPK\/PF\/Huber, \u201e\u00fcber das Anfangen. Zur Vorgeschichte des SPK und der PF\u201c; Klaus J\u00fcnschke, \u201eSp\u00e4tlese\u201c; \u201ebrennpunkte\u201c, Heft 7, Febr.\/M\u00e4rz 1990; \u201eRhein-Neckar-Zeitung\u201c (Dank ans Archiv); \u201eHeidelberger Tageblatt\u201c; \u201eUnispiegel\u201c; Zeitzeugen (Dank) Fotos: Welker<\/p>\n<p>Das Ende des Experiments: Am 21. Juli 1971 durchsucht die Polizei, die Haftbefehle gegen 11 SPK-Mitglieder hat, auch Wohnungen in Heidelbergs Sandgasse, wo einige aus der Gruppe in Wohngemeinschaften zusammenleben.<\/p>\n<\/div>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der Krankheit eine Waffe machen aus dem\u00a0Ruprecht, Nummer 35 Neue Ruprecht-Serie: Revolte in Heidelberg Wer \u201eStudentenbewegung\u201c sagt, meint meistens nur: 1968. Nicht so der ruprecht. 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